Bambirak

 / 


„Ich kann das selber“ – Kati möchte bei ihrem Vater sein und ihm zeigen, was sie kann und was sie gern hat.

Kati sieht die einzige Möglichkeit, mehr Zeit mit ihrem Vater zu verbringen darin, sich heimlich zu ihm in das Zustellfahrzeug für Pakete zu schmuggeln und ihn bei der Arbeit zu begleiten. Doch der erste wichtige Job in einem neuen Land bedeutet für Faruk, Katis Vater, sehr viel Druck. Gemeinsam müssen sie nun die Hürden und Herausforderungen ihrer Beziehung meistern.

Bambirak

„Ich möchte einfach nur bei dir sein, Papa! Schau doch mal, wie gut ich das kann: Ich denke an alles, siehst du?“ – Katis Gedanken werden nicht ausgesprochen, aber durch die nahe Kameraführung spürbar. Farben, Bewegungen und Fokus nehmen die Zuschauer:innen ganz ohne Musik und lange Dialoge mit in die Beziehung zwischen Kati und ihrem Vater.

Im Kurzpielfilm „Bambirak“ von Zamarin Wahdat begleitet die achtjährige Kati ihren Vater einen Tag lang bei seiner Arbeit als Paketzusteller, obwohl sie eigentlich in der Schule und bei ihrer Oma sein sollte. Faruk ist genervt – was soll er nun mit Kati machen?

Die Kamerabewegungen vermitteln Anspannung, Stress und Hektik. Kati zuckt zurück, als die Beifahrertür zufällt. Papa ist sauer, merkt sie. Als Faruk seine Mutter nicht erreicht und schon der nächste Auftrag eingeht, muss er schliesslich in Katis Begleitung einwilligen.

Faruk beginnt Kati in seine Arbeit miteinzubeziehen und gibt ihr Anweisungen. Kati ist motiviert und erweist sich für ihren Vater durch ihre schnelle Auffassungsgabe als eine helfende Hand. Während sie bei der Paketzustellung immer selbstständiger wird, verändert sich auch das Verhältnis zwischen den beiden. Aus der Anspannung wächst nach und nach etwas Neues. Die Beziehung zwischen Kati und ihrem Vater steht vor Herausforderungen, dabei begegnen sie einander neu.

Die bunte Tüte mit den sauren Zungen begleitet Kati und Faruk durch den Tag, gefüllt ist sie mit Süssigkeiten. Im Laufe des Tages sammeln die beiden Erfahrungen, Momente, Erlebnisse. Ähnlich wie die Tüte mit Süssigkeiten wählen beide zusammen aus, was sie hineinpacken. Was sich darin sammelt, zeigt sich erst, wenn man bis zum Schluss aufmerksam hinschaut.

Bereits mit seinem Titel „Bambirak“, dazu auch durch seine Erzählung und Gestaltung wirft der Film verschiedene Fragen auf, zu Beziehung, Nähe und Autonomie, Vertrauen und Gerechtigkeit im Kontext von Migrations- und Rassismus-Erfahrungen. Der Film regt dazu an, über eigene Erfahrungen und Handlungsweisen im Umgang mit Bedürfnissen nach Nähe, Vertrauen und Zugehörigkeit nachzudenken.

Aus Katis Perspektive stellt sich die Herausforderung, die Spannung zwischen ihren Bedürfnissen nach Nähe einerseits und nach Autonomie anderseits zu gestalten. Aus Faruks Perspektive rückt die doppelte Verantwortung gegenüber seinem Arbeitgeber und seiner Tochter in den Vordergrund. Schliesslich lädt „Bambirak“ ein, zu beobachten, worin die grösste Veränderung in der Beziehung zwischen Kati und ihrem Vater besteht.

Ausgehend vom Alter der Hauptfigur empfehle ich den Film ab 8 Jahren. Das mag durchaus eine Herausforderung sein: Das ist es auch für Kati – und sie meistert das ganz souverän.

Mehr zur Regisseurin Zamarin Wahdat, ihren Film „Bambirak“ und ihre Arbeit gibt es im taz-Interview von Kristian Meyer (4. Mai 2020) im Porträt von Dokville (22. Juni 2021) und im Exposure-Videocast von Matthias Bolliger (2. April 2025).

Film und Durcheinandergespräche

Der Film wird zunächst gemeinsam in der Klasse angeschaut.

Für einen ersten Austausch laufen die Schüler:innen im Klassenraum herum: Sobald die Lehrperson in die Hände klatscht, werden zufällige Zweier- oder Dreiergruppen gebildet. Darin tauschen sich die Schüler:innen über den Film aus: Was hat mir gefallen, was nicht? Was ist mir unklar? Wie habe ich mich gefühlt? Bei erneutem Klatschen der Lehrperson ist die Runde beendet, die Schüler:innen laufen wieder durcheinander, bis die Lehrperson wieder in die Hände klatscht, insgesamt gibt es vier solcher Runden.

Im Plenum werden Eindrücke und Gefühle gesammelt und offene Fragen stichwortartig an der Tafel gesammelt, damit sie in der letzten Phase wieder aufgegriffen werden können.

Kati und Faruk: Perspektiven

Aus den Filmstills wird eine Auswahl getroffen, so dass alle Schüler:innen ein Bild erhalten: Die eine Hälfte der Klasse erhält ein Bild von Kati, die andere Hälfte ein Bild von Faruk. Auf diese Weise wird die Klasse in zwei Gruppen unterteilt.

Kati
Faruk

In beiden Gruppen erhalten die Schüler:innen den Auftrag, sich mit ihren Bildern so aufzureihen, dass die Bilder in der richtigen Reihenfolge sind. Dann sollen die Schüler:innen – zunächst je in der Gruppe – anhand der Bilder den Film aus Katis bzw. Faruks Perspektive nacherzählen. Zu dieser Nacherzählung trägt jede:r Schüler:in ein Bild und ein bis drei Sätze bei. Was ist zu sehen? Was geschieht im Film? Wie sieht die Perspektive von Kati bzw. Faruk aus?

Die perspektivischen Nacherzählungen werden anschliessend beide im Plenum präsentiert und ausgewertet: Was ist das Besondere an dieser Perspektive? Welche Lebenssituationen, Zwänge und Wünsche stehen hinter dieser Perspektive? Und wie unterscheidet sich diese von der anderen Perspektive?

Nach Möglichkeit werden alle Filmstills in der vorgestellten Reihenfolge gut sichtbar im Klassenzimmer aufgehängt.

Filmsprache: vertiefende Visionierung

Für diese Arbeitsphase werden Karten mit verschiedenen Beobachtungsaufträgen verteilt: Atmosphären-Ton, Ausstattung, Bildauflösung, Bildformat, Bildschärfe, Einstellungsgrössen, Farben, Geräusche, Kamerabewegungen, Kameraperspektiven, Licht, Musik, Schauplätze, Schnitte, Sprache.

Immer zwei oder drei Schüler:innen erhalten dieselbe Karte und bilden eine Gruppe. Bevor die Gruppen an die Arbeit gehen, werden gemeinsam alle Begriffe geklärt. Das kann evtl. mit Hilfe des interaktiven Filmsprache-Plakats oder der Filmsprache-App von Neue Wege des Lernens e.V. geschehen. Auf diese Weise erhalten die Schüler:innen eine kompetenzorientierte Kurzeinführung zu filmsprachlichen Gestaltungsmitteln.

Nun wird der Film ein zweites Mal gesichtet und dann in Zweier- oder Dreier-Gruppen unter dem jeweiligen Fokus untersucht. Dazu bekommen die Gruppen einen doppelten Auftrag:

  • Achtet bei der zweiten Visionierung besonders auf das filmsprachliche Gestaltungsmittel, das auf Eurer Karte steht – und tauscht nach dem Film Eure Eindrücke aus.
  • Gestaltet anschliessend ein Visionboard, auf dem Ihr Eure Assoziationen, Eindrücke, Gedanken und Gefühle kreativ darstellt, z.B. in Form von Skizzen, Farben, Stichwörtern, Kommentaren. Welche filmischen Mittel werden eingesetzt und welche Wirkung haben sie auf Euch bzw. welche Emotionen werden bei Euch geweckt?

Nach der zweiten Visionierung ist der Auftrag an die Gruppen also klar, die Schüler:innen tauschen sich in Gruppen aus. Die Erkenntnisse werden anschliessend nicht direkt ins Plenum getragen, sondern in den Gruppen in Form des Visionboards verarbeitet. Um die Gruppenarbeiten nicht zu stören und den individuellen Zeitbedürfnissen gerecht zu werden, erfolgt der verarbeitende Arbeitsauftrag schriftlich, evtl. zusammen mit einer Vorlage für die Gestaltung des Visionboards.

Schliesslich werden im Plenum die Visionboards als sichtbare Ergebnisse dieser Arbeitsphase vorgestellt und erläutert – und wiederum gut sichtbar aufgehängt.

Abschluss: Titel und Plakat

In der abschliessenden Phase findet zunächst ein Rückblick auf die Beobachtungen und Fragestellungen vom Anfang sowie die Arbeitsergebnisse der vorausgegangenen Phasen statt, dazu ist es hilfreich, wenn sowohl die Filmstills als auch die Visionboards noch sichtbar sind. In einem Gespräch wird der Film nun gesamthaft betrachtet. Die Lehrperson kann folgende Fragen zur Gesprächseröffnung stellen:

  • Welches Thema des Film interessiert Euch am meisten?
  • Was ist für Euch die wichtigste Fragestellung oder Aussage des Films?
  • Wie würdet Ihr die Entwicklung beschreiben, die der Film zeigt?

Im Plenum wird das Gespräch und das Nachdenken über den Film als Ganzes nur eröffnet, aber nicht abgeschlossen, zum Beispiel werden verschiedene mögliche Antworten auf die Fragen gesammelt, aber nicht diskutiert.

Die Beantwortung erfolgt wiederum in Gruppen und insofern mehrstimmig: Die Schüler:innen arbeiten erneut in den zuvor eingeteilten Gruppen und haben einen doppelten Auftrag:

  • Findet einen treffenden alternativen Titel für den Film.
  • Gestaltet ein aussagekräftiges Filmplakat zum Film.

Die Schüler:innen erhalten auf diese Weise den Auftrag, ihre Wahrnehmung des Films in Form eines Titels und eines Plakats auszudrücken, so dass eine aussenstehende Person diese Perspektive auf den Film versteht und „fühlt“, ohne ihn gesehen zu haben.

Zum Abschluss der Arbeit mit dem Film wird der Klassenraum zum Ausstellungsraum: Alle Plakate werden aufgehängt und in einer kommentierten Ausstellungsrunde präsentiert.


Autorin: Lisa Schadenberger

Lisa Schadenberger hat Soziologie an der Universität Rennes studiert und absolviert derzeit einen Master in Kulturwissenschaft an der Universität Freiburg i.Br. In ihrer aktuellen Forschung beschäftigt sie sich mit dem Liminalitätskonzept anhand von Tagebüchern mit Narrativen zu Essstörungen. Neben ihrem Studium arbeitet sie am Stadttheater Freiburg i.Br. und ist Praktikantin bei kurzundgut in Kooperation mit der PHBern.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert