Fantasia


„Können wir mal etwas anderes essen als Kartoffeln?“ – Teros Heldenreise ist von einer Phantasie angetrieben, die nur sehr oberflächlich mit Schinken, Paprika, Champignons und Ananas zu beschreiben wäre.

Der Vorspann dieses wunderbaren Films enthält gleichzeitig das Porträt des Ausgangspunkts und den Kommentar dazu. In der Welt, aus welcher der jugendliche Hero aus- und aufbricht, steht die Sonne herbstlich tief. Es geht etwas zu Ende. Die Eltern essen nichts als Kartoffeln, reden von nichts als Kartoffeln und haben keine Sorgen als Kartoffeln. Doch die Geschichte von Tero ist nicht nur Ausbruch, sondern eine wahre Heldenreise, die durch eine Phantasie angetrieben ist, die nur sehr oberflächlich mit Schinken, Paprika, Champignons und Ananas zu beschreiben wäre.

Tero folgt seiner Vision, zunächst geduldig und zurückhaltend, dann nachdrücklich und durchsetzungsstark. Alle Sicherheiten lässt er hinter sich, überwindet endlose Distanzen, bezwingt stumpfsinnige Gegner und erblickt den Schatz schliesslich mit eigenen Augen. Bei seiner Heimkehr kämpft er mit der Tücke des Objekts, dazu scheinen sich die Elemente gegen ihn verbündet zu haben und schliesslich verweigert ihm auch sein stählernes Ross den Dienst, aber dennoch kehrt er wohlbehalten zurück ins elterliche Heim und erhält … – nun ja; durchaus Anerkennung.

Das Leben mag in Wahrheit steiniger sein als in unseren Phantasien, aber dennoch, letztes Wort: „Fantasia“.

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Der Film ist möglicherweise nur dann vollumfänglich nachvollziehbar, wenn man im Jahr 1989 in einem abgelegenen Dorf in Finnland gelebt hat, aber das ist auch bei mir nicht der Fall. So denke ich, dass der Film auch heute ab ca. 13 Jahren zugänglich, gut geniessbar und sehr amüsant ist.

Da ich Filme – insbesondere kurze – nur ungern mittendrin anhalte, würde ich mindestens die erste Visionierung durchgehend vornehmen. Anschliessend können die ersten Aufregungen, Assoziationen und Abneigungen in Murmelgruppen geäussert werden.

Vorspann

Spätestens bei einer zweiten Visionierung bietet es sich an, nach dem Vorspann (0’24“) für eine erstes Gespräch anzuhalten:

  • Was erfahren wir bereits im Vorspann?
  • Ein paar W-Fragen: wer? was? wann? wo? warum? wie? wozu?
  • Mit diesen Fragen wird ebenfalls erkennbar, was wir noch nicht erkennen oder verstehen.
  • Welche Erwartungshaltung und welche Fragestellungen ergibt sich daraus an den Film?

Im Blick an den gesamten Film schlage ich die folgenden Bearbeitungsschwerpunkte vor:

Bild und Ton

Was fällt auf bezüglich Bild und Ton? – Was sich hier so kurz und knapp fragen lässt, hat es ziemlich in sich. Bei einer sorgfältigen Analyse gibt es noch viel mehr zu entdecken als zunächst augenscheinlich ist.

Mir fällt zunächst mal das durchgehend besondere Licht, die immer wiederkehrende Dreier-Einstellung am Esstisch mit ebenfalls wiederkehrendem Schuss-Gegenschuss der Eltern, eine energische Kamerafahrt, die subjektive Kamera auf die Pizza und die insgesamt sparsam, aber sorgfältig gestaltete Tonspur auf.

Für diesen Schritt könnte das online zugängliche und interaktiv nutzbare Poster Filmsprache bzw. die entsprechende kostenlose App herangezogen werden, vgl. nwdl.eu/filmsprache/

Heldenreise

Es ist so erhellend wie amüsant, den Film als Heldenreise zu analysieren, z.B. in Anlehnung an Joseph Campbell oder Christopher Vogler (vgl. de.wikipedia.org/wiki/Heldenreise). Im folgenden finden sich die zwölf Schritte von Christopher Vogler (Die Odyssee des Drehbuchschreibers, 2004), mit denen eine Gliederung des Films vorgenommen werden kann.

  1. Gewohnte Welt – der Held in seinem täglichen Leben
  2. Ruf des Abenteuers – der auslösende Vorfall der Geschichte
  3. Weigerung – der Held zögert, den Ruf entgegenzunehmen
  4. Begegnung mit dem Mentor – der Held erhält Mittel, die zum Abenteuer erforderlich sind
  5. Überschreiten der ersten Schwelle – der Held stützt sich ins Abenteuer
  6. Bewährungsproben, Verbündete, Feinde – der Held erkundet die besondere Welt und besteht Prüfungen
  7. Vordringen zur tiefsten Höhle – der Held gelangt ins Zentrum der besonderen Welt
  8. Entscheidende Prüfung – der Held besteht die Prüfung, erlebt Tod und Wiedergeburt
  9. Belohnung – der Held gewinnt den Schatz
  10. Rückweg – der Held kehrt zurück in die gewöhnliche Welt
  11. Auferstehung – der Held überlebt eine letzte Krise und ist rein für die Heimkehr
  12. Rückkehr mit dem Elixier – der Held kehrt zurück, um die gewöhnliche Welt zu verbessern

1989

Bereits im Vorspann wird das Jahr eingeblendet, in dem der Film handelt: 1989. Für alle, die noch nicht dabei waren, sind hier Recherchen zur europäischen und finnischen Geschichte und zur (geistes-) geschichtlichen Bedeutung des Jahres 1989 angezeigt:

  • Was war im Herbst 1989?
  • Wofür steht „Herbst 1989“ in diesem Film?
  • Was mag es bedeuten, dass der Film zeitlich dort angesiedelt wird?

Kartoffeln vs. Pizza

Die beiden Grundnahrungsmittel Kartoffeln und Pizza stehen im Zentrum des Films. Kartoffeln und Pizza sind nicht nur Film-Requisiten – nach Angabe der Filmemacher waren mehr als zehn Pizzen zur Herstellung des Films nötig, wobei die nicht benötigten natürlich gegessen wurden (vgl. vimeo.com/393739941#comment_18010874); die Zahl der bei den Dreharbeiten verwendeten Kartoffeln ist nicht überliefert. – Kartoffeln und Pizza sind mehr als Requisiten, nämlich Metaphern für zwei verschiedene Lebensweisen oder -welten.

  • Wofür stehen Kartoffeln, wofür steht Pizza in diesem Film?
  • Oder mit Vogler: Was haben gewöhnliche und besondere Welt mit Kartoffeln und Pizza zu tun?
  • Andererseits: Welche Assoziationen haben wir zu Kartoffeln und was verbinden wir mit Pizza?

Die Frage nach der Bedeutung von Kartoffeln und Pizza muss eventuell historisch-kritisch bedacht werden: Möglicherweise ist Pizza inzwischen, d.h. im Jahr 2020, zur „Kartoffel“ geworden.

  • Was wäre heute die „Pizza“?
  • Mit welchen Lebensmitteln müsste man diesen Film drehen, wenn er heute spielen sollte?
  • Wofür stehen diese Lebensmittel?

„Fantasia“

Namen sind natürlich kein Zufall, und Irritationen auch nicht. Insofern:

  • Warum heisst die Pizza „Fantasia“?
  • Welche metaphorische Bedeutung haben Steinchen auf dieser Pizza?
  • Welchen Namen könnte diese Pizza haben?

Nun stehen am Ende des Films glücklicherweise aber keine Steine, sondern das Wort „Fantasia“.

  • Was verbindet Tero mit „Fantasia“?
  • Was haben wir im Sinn, wenn wir im Jahr 2020 das Wort aussprechen: „Fantasia“?

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