Happiness

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„Happiness. Sold here“ – Steve Cutts zeigt eine Welt, in der sich alles um den Erwerb von Glück dreht. Aber kann man das kaufen? Und was ist Glück eigentlich?

Eine riesige Stadt. Überfüllte U-Bahnen. Blinkende Werbetafeln. Und mittendrin: Ratten im Anzug, auf der Jagd nach Glück. Der Film ist gleichzeitig ansprechend und abstossend, witzig wie beklemmend, er übertreibt entsetzlich – und trifft genau ins Schwarze. Wie also finden wir „Happiness“?

Der Film

Der Film beginnt mit einer weissen Leinwand, Musik: Bizets „Habanera“, eine Ratte, noch eine, viele, ganz viele Ratten!

Die Ratten drängen sich in überfüllte Züge, fahren endlose Rolltreppen hinauf, hinab und folgen dem Strom der Masse. Der Zug fährt ab nach „Nowhere“. Alle rennen, aber wohin eigentlich? Überall leuchtet und blinkt das Wort „Happiness“ von riesigen Werbeplakaten. „Just buy it“, das Versprechen der käuflichen Erwerbbarkeit von Glück.

Die Ratte ist längst im Gewühl verschwunden, in der Masse ohne Individualität. Im Rat-Race ums Glück werden alle ununterscheidbar eilend, kaufend, konsumierend. Und wenn sie etwas ergattert haben, verlieren sie das Interesse daran, denn es wartet schon das nächste Glücks-Versprechen.

Der Erwerb von Glücksgütern wird zum Wettbewerb, der unerbittlich und auch gewaltsam ausgetragen wird. Das Streben nach Happiness verlangt durchaus seine Opfer. Und es stellt sich einige Ernüchterung ein, wenn die rasende Fahrt im roten Cabrio bei Regenwetter im Stau stecken bleibt oder der rauschhafte Genuss mit einem Knockout in Scherben geht. Dann hilft die medizinische Betreuung zum Glück.

Im Medikamentenrausch scheint das Glück vollkommen. Die Farben sind hell und bunt, ein Leben wie im Paradiesgarten, hüpfend, springend, schwebend! Doch der Aufprall auf dem grauen Boden der Tatsachen ist hart. – Der Duft des Geldes weist schliesslich den Weg: die Strasse hinunter, in ein Gebäude, mit dem Lift ganz nach oben: Happiness! Die Falle schnappt zu, am Arbeitsplatz, ein endloses Grossraumbüro.

Das Neon-Schild „Happiness“ flackert und verlischt, es wird sehr dunkel.

Symbolik und Gestaltung

Die Akteure des Films, Ratten, stehen in europäischen Kulturtraditionen traditionell für Armut und Dreck, Krankheit und Seuchen. In der Sage vom „Rattenfänger von Hameln“ sind die Ratten eine Plage, die Hunger und Elend beinhaltet. Ausgehend von dieser Sage wäre der Film zu befragen, wer hier der Rattenfänger sein könnte. Wenn Menschen als Ratten bezeichnet werden, ist damit der Vorwurf von Verrat (englisch: „to rat someone out“), Feigheit („die Ratten verlassen das sinkende Schiff“) und anderem unmoralischem Verhalten verbunden.

Der Filmtitel „Happiness“ taucht inflationär auf. Immer wieder, ein Dauer-Werbespot mit dem Versprechen von „Happiness“. Verkauft wird nicht nur ein Getränk oder ein Paar Schuhe, sondern Erfolg, das perfekte Leben, Zufriedenheit und Wohlgefühl, ja Glück. Eine Ware: bunt, verführerisch, käuflich. Das Leben ohne diese Ware bleibt monotoner und grauer Hintergrund.

Wie ein Blick durch ein Kaleidoskop zeigt der Film Menschenmassen, Hochhäuser, Rolltreppen, Reklamen – alles bewegt und wiederholt sich ständig in tausendfacher Wiederholung und Spiegelung seiner selbst. Orientierungslosigkeit ist garantiert, nicht nur für uns als Beobachter, sondern auch für diejenigen, die mittendrin stecken. Das einzelne Individuum geht orientierungslos in der Menge verloren, auch als Individuum. Zwar zeigt der Film immer wieder einzelne Ratten, die sich alle irgendwie gleichen oder ähnelnd, aber wir finden keine Hauptfigur, der wir durch den Film folgen können.

Die Farben sind zentral: Der Film entwickelt sich insgesamt von dem Weiss eines unbeschriebenen Blatt Papiers in ein graues und buntes Durcheinander und schliesslich zu schwarzer Finsternis, in dem auch die letzte Neonröhre erloschen ist und kein Licht von Nirgendwo mehr kommt. Die Stadt als Lebensraum des Films ist in dumpfen Grau- und Brauntönen gehalten. Nur die Werbung leuchtet grell und farbig, zieht sämtliche Aufmerksamkeit auf sich und ihre Versprechungen.

Das Spiel mit der Musik ist eindrücklich: Bizets „Habanera“ begleitet Szenen von Gedränge, Kampf und Eskalation. Nur die halluzinatorische Sequenz mit Bildern vom Paradiesgarten wird von den Griegs „Morning Mood“ begleitet, bevor es nach dem Absturz wieder mit „Habanera“ weitergeht.

Visionierung

Zunächst sollte der Film visioniert werden, damit seine ästhetische Wirkung unmittelbar erfahrbar wird. Die beklemmende Enge der U-Bahn, das monotone Grau der Stadt und die grell leuchtenden Werbeslogans entfalten ihre Kraft gerade in der unkommentierten Begegnung. Der erste Zugang ist ein ästhetischer: sehen, hören, wahrnehmen.

Eindrücke

Erst nach der Wahrnehmungsphase werden Eindrücke gesammelt. Welche Bilder, Figuren, Farben sind ins Auge gefallen? Welche Klänge, Töne, Geräusche bleiben im Ohr? Welche Geschichte wird uns erzählt? Das Gespräch beginnt bei der Wahrnehmung, nicht bei der Deutung. So entsteht ein gemeinsamer Zugang zum Film.

Blick auf filmische Gestaltung

Im nächsten Schritt rückt die Gestaltung in den Mittelpunkt. Die Jugendlichen erkunden die Kontraste zwischen grauem Stadtbild und bunter Werbung, analysieren die Rolle der Musik bzw. des Tons und untersuchen die Wirkung von Masse und Enge, Tempo und Wiederholung.

Eine Analyse der filmischen Rollen landet zunächst bei einer genaueren Betrachtung der Ratten: Was sind die Hauptrollen des Films? Wie sind die Ratten dargestellt? Was tun sie? Warum tun sie etwas? Wie sind sie zu charakterisieren? Und: Sind sie handelnde Figuren? Wer sind die handelnden Figuren? Oder mit der Sage aus Hameln: Wer ist der Rattenfänger?

Besonders ergiebig ist die Betrachtung der Werbeplakate des Films anhand von Filmstills, die im Hinblick auf den Schlüsselbegriff „Happiness“ befragt werden: Welche Versprechungen werden illustriert? Welches Glück wird inszeniert? Welche Sehnsüchte werden ins Bild gesetzt? Wer macht die Versprechungen? Um wessen Glück geht es? Und wessen Sehnsüchte werden erfüllt?

Kreativer Gestaltungsauftrag

Eine kreative Vertiefung bietet die eigene Verfremdung von Werbeplakaten: Die Jugendlichen ziehen reale Werbeplakate, -spots oder -posts aus Zeitschriften, Internet oder Social Media heran. Die einzige Vorgabe ist, dass der jeweilige Markenname durch das Wort „Happiness“ ersetzt wird. Alles weitere kann satirisch überzeichnet, kritisch gebrochen oder absurd gewendet werden.

In einer Ausstellung werden die Arbeiten diskutiert: Welche Glücksvorstellungen werden erkennbar? Wie wirken sie? Was ist lustig? Was ist ärgerlich? Was ist interessant?

Szenisches und Symbolisches

Es lohnt sich der erneute Blick auf einige ausgewählte Szenen, die als Ausschnitt ein weiteres Mal filmisch visioniert oder als Filmstill betrachtet werden. Dazu bieten sich beispielsweise an:

  • Eingangssequenz (0’00“–0’15“) vs. Schlusssequenz (4’00“–4’15“)
  • Stadt (0’55“–1’10“)
  • Shopping (1’15“–1’30“)
  • Black Friday (1’35“–1’50“)
  • Sportwagen (2’00“–2’15“)
  • Drinks (2’25“–2’40“)
  • Paradiesgarten (3’05“–3’20“)
  • Mausefalle (3’45“–4’00“)

Der Film bleibt dabei ständiger Bezugspunkt der Auseinandersetzung. Happiness wird nicht zum blossen Einstieg in Konsumkritik, sondern selbst zum Gegenstand einer ästhetisch reflektierten Diskussion.

Ebenso können symbolische Filmelemente analysiert werden: Die Ratte, die Stadt, die Mausefalle, die Werbeplakate, das Neonlicht. Wo erkennen Jugendliche hier Parallelen zu ihrer Welt?

Happiness – Glück

Schliesslich kann mit Bezug zum Film und über ihn hinaus eine grundlegende Auseinandersetzung mit klassischen und eigenen Glücksvorstellungen und Lebensentwürfen der Jugendlichen initiiert werden. Verschiedene Glücksvorstellungen (z.B. Aristoteles, Epikur und Stoa, oder Fromm, Csikszentmihalyi und Maslow) können erkundet und miteinander ins Gespräch gebracht werden, einschlägige Philosophie-Lehrmittel bieten dazu umfangreiches Material. Welche dieser Glück-Konzepte finden sich – positiv oder negativ – im Film? Und vor allem: Was ist Glück für mich? Wir finde ich das Glück? Wie findet mich das Glück? Was meinst Du?


Autor: Patrik Böhler

Patrik Böhler ist Religionspädagoge und Erwachsenenbildner und arbeitet im Fachbereich Medien und Beratung ERG der PHBern und auf der Fachstelle Religionspädagogik der röm.-kath. Landeskirche Bern.


2 Kommentare zu „Happiness“

  1. Patrik Böhler

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    Wunderbar, danke für diesen Hinweis. Ich finde, der Film hat eine Ästhetik und ein Tempo, das Schüler*innen unmittelbar anspricht. Gerade deshalb eignet er sich sehr gut als Einstieg in die Medienbildung – und in ein differenzierteres Wahrnehmen von Filmsprache. Besonders spannend ist das bei Jugendlichen, die täglich eine enorme Menge an bewegten Bilder konsumieren, ohne dabei zwangsläufig auch dessen Gestaltung bewusst wahrzunehmen.

  2. el flojo

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    Oh yeah, einer meiner Klassiker. Den Schülern zu zeigen und mit ihnen durchzukauen, kann ich nur unterstützen. Musste grad mal schauen, wann ich damals was dazu geschrieben hab und hab dabei entdeckt, dass ich das aufm Weg zur Arbeit getan hab. Oh, die Ironie… :D

    https://denkfabrikblog.de/2017/12/06/kurzfilm-happiness/

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