Megatrick


„Und überhaupt, ich mein‘, ganz ehrlich: Was soll ich mit ’ner geraden Linie, die an einem Punkt endet?“ – Anne Isensee erzählt mit grafischen und animatorischen Mitteln ein Gleichnis über Ziele, Erfolg, Glück und – das Leben!

Der eigentliche Film beginnt auf weissem Grund mit einer direkten Ansprache: „Ey, ich hab‘ mal den mega Trick gehört …“ – und selbst wenn das gerade-Linien-Zeichnen nicht zu meinen drängendsten Problemen gehört, bin ich sofort voll dabei: Das ist so elementar, vielleicht kann ich es ja einmal brauchen: Anne, Du hast meine volle Aufmerksamkeit!

Die Sache kommt dann so locker daher wie mal eben am Küchentisch, mit Skizze von Hand. „Ja perfekt, funktioniert: geil.“ – Find‘ ich auch. Echt guter Tip!

Anders als andere hat Anne aber auch noch nachgedacht: „Ey, das is‘ doch die perfekte Metapher auf das Leben.“ – „Ja voll“, möchte ich da hereinrufen, während mir siedend heiss mein ganzes Leben offenbar wird: Berufswahl, Montagmorgen, Lehrabschlussprüfung, Bachelorarbeit, Masterprüfung, Bewerbungsverfahren, Mitarbeitergespräch, Midlife-Crisis, Frühpensionierung, Bucket-List und so. Wenn ich das gewusst hätte: Nicht auf die Finger und den Stift schauen. Holy s**t, Anne!

Und sie so: „easy!“

Aber dann: Alter, kann die gut zeichnen, alles in einem Strich: Picasso! Ich sage Dir: Hammer! Wie macht sie das? Auch noch bewegt das Ganze, und die Musik dazu, krass! Sie geht voll ab.

– Es ist so still, Anne, und ich bin verwirrt. Du sagst, das sei lustig. Aber nun ist auch schon der Abspann vorbei und ich denke noch immer über deine Frage nach: „Was soll ich mit ’ner geraden Linie, die an einem Punkt endet?“

Bevor ich also zu einem Punkt komme: Ich muss das mal meinen Schüler*innen zeigen.

Der Film ist grossartig für Schüler*innen ab ca. 13 Jahren, die sich mit Fragen der Berufswahl, mit Lebenszielen oder auch nur mit den Schwierigkeiten des schulischen oder lebenspraktischen Alltags herumschlagen und gleichzeitig das Leben vor lauter Zielen, oder anders: die Gegenwart vor lauter Zukunftsorientierung nicht verpassen wollen.

Nach Visionierung, einer ersten Verarbeitung in Murmelgruppen und anschliessender gemeinsamer Rekapitulation des Plots schlage ich folgende Schwerpunkte vor:

Gestaltung des Films

In einem eher filmanalytischen ersten Schritt wird die Gestaltung des Films detailliert untersucht. Hier sind – nach meinen Beobachtungen aus Unterrichtsbesuchen – Schüler*innen oft die besseren Beobachter*innen als Lehrpersonen, weil sie den inhaltlich oder sogar „inhaltistisch“ (A. Bergala) interessierten Blick der Lehrperson nicht teilen und daher unbefangener und offener auf Filme zugehen. Genau diese direkten Beobachtungen am Film führen jedoch tiefer auch in die filmisch angesprochenen Inhalte hinein, daher ist dieser offene und sorgfältige Blick auf den Film und seine Gestaltung sehr wertvoll.

Unter Vorbehalt meines eigenen „Inhaltismus“ schlage ich als mögliche Schwerpunkte der Betrachtung vor: Sprache, Musik, Stille, schwarz-weiss vs. farbig, gerade vs. „ungerade“, statisch vs. bewegt, Linie vs. Form.

Ziele

Im Anschluss an den Film – und vor bzw. entgegen der Pointe des Films – könnten in einem zweiten Schritt verschiedene Ziele der Schülerinnen und Schüler in den Blick genommen werden. Die Bedeutung von Zielen für das Lernen insbesondere in schulischen Settings und darüber hinaus mit Blick auf selbstreguliertes und lebenslanges Lernen ist immens – und diese Bedeutung ist auch mit der Pointe des Films nicht überholt.

Ich schlage hier die Lektüre des auf der Website des Berliner Bezirksamts Mitte veröffentlichten Gesprächs mit Anne Isensee vor, dessen erster Teil – evtl. als Auszug – einen guten Einblick in die Frage gibt, wieviel Zielorientierung, Durchhaltevermögen und Fleiss von Seiten der Filmemacherin nötig ist, um einen „Sehr-Kurzfilm“ wie „Megatrick“ herzustellen.

Davon ausgehend werden auch Schülerinnen und Schüler gern über eigene Ziele austauschen und nachdenken.

Es mag an dieser Stelle sinnvoll sein, tendenziell mittelgrosse und mittelmässig komplexe Ziele ins Auge zu fassen. Damit meine ich solche Ziele, die – aus der Perspektive und in Reichweite von Schüler*innen ab 13 Jahren – etwa vergleichbar sind mit der Herstellung eines Films wie „Megatrick“. Solche Ziele erfordern typischerweise ausser Planung, Engagement und Durchhaltevermögen auch während des Arbeitsprozesses ständige Überwachung sowie evtl. Anpassung der Aktivitäten oder sogar der Ziele. An dieser Stelle meine ich andererseits also weder grosse Lebensziele noch ganz kleine oder sehr konkrete Ziele wie „Ich will heute 20 Minuten Französisch-Vokabeln lernen für den Test morgen“. Zum Austausch über diese mittelgrossen Ziele eignet sich möglicherweise das Wort „Projekt“.

Leben

In der Beschäftigung mit Zielen oder Projekten von Schülerinnen und Schülern wird auch immer der Aspekt der Überforderung, der Selbst-Überschätzung bei der Zielformulierung, der Nicht-Erreichbarkeit von Zielen, des Scheiterns oder der eine Zielerreichung unmöglich machenden Lebensumstände in den Blick geraten. Ein offener Austausch darüber ist in schulischen Settings und insbesondere bei der hier avisierten Altersgruppe ab 13 Jahren meist nicht ohne Weiteres möglich. Daher empfiehlt sich ein philosophisches Gedankenexperiment, etwa unter folgenden Fragestellungen, die noch mit Blick auf die je konkrete Gruppe didaktisch auszugestalten wären:

Was kann jemand tun, der oder die sich ein klares Ziel gesetzt hat, aber erkennt, dass dieses Ziel

  • Ressourcen verlangt, die er oder sie nicht erbringen kann?
  • Zugeständnisse verlangt, so dass das Leben bis zur Erreichung des Ziels unerträglich wird?
  • wegen unvorhergesehener Umstände objektiv unerreichbar wird?
  • auf Grund einer neuen Beurteilung unattraktiv oder sogar irrelevant wird?

Pointe

Mit diesem Schritt hat sich die unterrichtliche Fragestellung so verändert, dass in einer zweiten Visionierung des Films seine entlastende und befreiende Pointe besser sichtbar wird als zuvor. Im Anschluss an die oben gemachten filmanalytischen Beobachtungen ist nun eine filmsprachlich und inhaltlich fundierte zweite Sichtung und dann auch interpretierende Diskussion des Films möglich. In dieser Interpretation werden die Stichworte „Lachen“, „unerwartet“ und „lustig“ sowie die Frage am Ende des Films „Was soll ich mit ’ner geraden Linie, die an einem Punkt endet?“ eine zentrale Rolle spielen.

Gestaltungsaufgabe

Abschliessend werden die Schülerinnen und Schüler zu einer Gestaltungsaufgabe eingeladen: Auf einem weissen Blatt gestalten Sie mit schwarzem Filzstift die von einer Linie ausgehende Illustration einer unerwarteten Lebenserfahrung, die möglicherweise schmerzvoll ein Ziel in Frage stellt, aber als Erfahrung wertvoll und Anlass zum befreienden Lachen ist. Die Illustrationen werden unkommentiert ausgestellt.

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