Hard Boiled Chicken


„Kikerikiii!!!“ – Der so ansprechende wie amüsante Kurz-Film-noir-auf-dem-Bauernhof spielt die Idee mal durch, dass die Henne ihr Ei nicht herausrücken will. Mit Spannung, Tempo, Action und zahlreichen Zitaten aus der Filmgeschichte macht der Film grossen Spass und könnte schliesslich noch anregen zum Nachdenken über das Verhältnis von Mensch und Tier.

Bereits der Vorspann signalisiert den augenzwinkernden Kulturschock: In das entspannte Vogelgezwitscher fährt jäh ein jazziges Startsignal. Der in Retro-Schrift präsentierte Film-Titel spannt Bezüge zu amerikanischen Hardboiled-Krimis. Auch der harte Bildkontrast und das nur durch Sepia-Töne erweiterte schwarz-weiss-Bild nehmen klassische Gestaltungselemente des Film noir auf.

Doch zunächst klettert der Hahn auf den Mist, kratzt sich am Bauch, holt tief Luft und präsentiert mit vollem Körpereinsatz sein morgendliches „Kikerikiii!!!“. Wir sind auf dem Lande: Unter einem weiten Himmel mit nur vereinzelten Wolken steht vorn der Misthaufen, hinten zentral der Hühnerstall. Von irgendwo antworten zwitschernde Vögel und muhende Kühe, und zum einsetzendem Keyboard mit etwas dösigem Minimoog-Sound schwenkt die Kamera nach rechts zum Bauernhaus, wo gerade das Licht angeknipst wird. Auch bellende Hunde und wiehernde Pferde lassen sich vernehmen. Schwenk zurück in die Mitte zum Hühnerstall. Der Hahn kräht und kräht, Schwarzblende in den Stall.

Dort Kamerafahrt nach unten, eine Bretterwand, das Innere des Stalls. Die Henne sitzt auf dem Stroh und dämmert vor sich hin. Doch nun beginnt der Krimi: Der Hahn kräht, das Huhn blinzelt mit den Augen, Einsatz Bass und Drums, Schritte nähern sich! Die Henne ist hellwach, schnappt sich das Ei, hüpft behende vom Stroh, verbirgt es unter einem Holzstapel und springt mit einem äusserst eleganten Salto mortale zurück auf das Stroh. Als die Tür geöffnet wird, sitzt die Henne wie vorher dösend auf ihrem Platz. Der Bauer nimmt das Huhn, greift darunter: Kein Ei? Hm!

Und nun geht es richtig los! Henne und Hahn werden Eltern, aber dann ist das Ei verschwunden; Ohnmacht! Die heldenhafte wie scharfsinnige Detektivarbeit des werdenden Vaters – Spurensicherung, Befragung bei Gegenlicht, geschickte Bestechung von möglichen Zeugen – und Kommissar Zufall führen schliesslich zum Täter (Hitchcocks Psycho lässt grüssen), doch ein Ungeheuer bewacht den Ort, an dem das Entführungsopfer versteckt gehalten wird: Ein riesenhafter Kater!

Der heldenhafte Kämpfer wird hinausgeworfen, stürzt sich in den Alkohol, wird vom Himmel mit Donner und Regen bedacht und findet sich schliesslich ver-katert(!) aber wohlbehalten wieder im Stroh neben der sorgenden Gattin.

Mit vereinten Kräften gelingt nach trickreichem Einbruch in allerletzter Sekunde die Befreiung des Entführungsopfers kurz vor dem hartgekocht-werden: Es entspannt sich eine auch filmisch sehr attraktive Action-Sequenz mit Kung-Fu-Luftkampf und wilder Verfolgungsjagd (nun grüsst auch John Woos Hard Boiled), an deren Ende sowohl Stalltür als auch Eierschale geknackt werden. – Am Ende: Kopfkratzen auf allen Seiten.

Der Film macht vor allem einmal grossen Spass: Das darf er auch in der Schule. Da die Geschichte mit ihrer klaren Struktur gut nachvollziehbar ist, auch die Figuren schnell zu erfassen sind und zudem klare Identifikationsmöglichkeiten bieten, ist der Film bereits ab 6 Jahren einsetzbar. Er funktioniert allerdings auch weit darüber hinaus, bis in die Arbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen.

Wegen seiner sorgfältigen Gestaltung eignet sich der Film gut zur mehrmaligen Visionierung. Dabei können die zahlreichen Details gezielt beobachtet werden, zunächst die spannende Geschichte mit ihren zahlreichen Wendungen, dem schönen Schluss und dem (gar nicht so) überraschenden offenen Ende, dann vor allem Tonspur (Ton und Musik) und Bildgestaltung (Farbe und Kontrast). Ausgehend davon können die zitierenden bzw. parodierenden Gestaltungselemente des Films zusammengetragen werden: Neben Bild und Ton auch Schnitte, Tricks, Montage und Handlung sowie der Filmtitel. Welche Wirkung und Bedeutung haben diese gestalterischen Elemente?

Inhaltlich verweist der Film auf die Frage nach Mensch und Tier. Das Gedankenexperiment ist gar nicht kompliziert: Was geschieht, wenn die Henne ihr Ei für sich behalten will? So spielerisch wie die Frage, so lustvoll experimentell bleibt auch der Film. Dabei ist der Film inhaltlich sehr wenig ergiebig für die vielerlei Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Tier, nach Haustieren, Nutztieren, Tiernutzung, Massentierhaltung, Fleisch- (oder Ei-) Konsum, Vegetarismus, Tierethik etc. Dennoch kann der Film für den Unterricht sehr produktiv sein, weil er auf sehr unterhaltsame Art, ohne moralisierenden Unterton und ohne moraltriefendes Ende ein Gedankenexperiment durchspielt und damit verschiedene weitergehende Fragen eröffnet.

Dazu ist anzumerken, dass der Film zunächst „nur“ das Nebenprodukt einer grösseren Filmproduktion des Filmemachers Arjan Wilschut war, nämlich des Films „Boer Jansen Farmer Jack“ , der im Jahr 2013 fertiggestellt wurde. Dort gibt es ein Wiedersehen mit dem Figureninventar, vielen Animationselementen und sogar der Grundidee von „Hard Boiled Chicken“ (vgl. Sequenz 1’58“-2’09“), bei „Boer Jansen/Farmer Jack“ nun in Farbe. Allerdings malt der Farbfilm inhaltlich schwarz-weiss, ist (ab ca. 3’30“) eher absehbar, filmisch weniger interessant, kein bisschen lustig, sondern von Anfang bis zum Schluss zutiefst moralisch. Diese Hinweise mögen dazu dienen, die Spiel- und Experimentierfreude des hier vorgestellten Films umso mehr hervorzuheben, dazu auch die Spiel- und Experimentierfreude als solche!

Die von Matthias Film produzierte DVD „Was zählt im Leben?“ mit nichtgewerblich-öffentlichem Vorführrecht (Ö-Recht) enthält neben dem Film auch Arbeitsmaterialien von Martina Steinkühler.


Bibliothekarische Bestellung der DVD

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