Selfies 1


„a photograph that one has taken of oneself, typically one taken with a smartphone or webcam and uploaded to a social media“ – Claudius Gentinetta zeigt ein Panorama der Lebenswelten von Insta-Agers

Mit Vogel-Gezwitscher, Steelguitar-Sound und Smartphone-Touch etabliert der Vorspann das Setting des Films: Wir schauen mal ganz entspannt ein paar Bilder durch. Das darauf folgende dreiminütige Gewitter von locker 200+ Bildern zeigt die Lebenswelten von Insta-Agers – gewissermassen von der Liege bis zur Bahre: Ferien, Strand, Natur, Risiko, Gefahr, Flucht, Rettung, Asyl, Politik, News (auch auf der Toilette), Entblössung, Party, Promis, Event, Adventure, Sex, schwanger, Geburt, Kind, Krankenhaus, verletzt, krank, Operation, Verband, Trauer, Tod.

Der auf der Vorlage von Selfie-Fotografien und Selfie-Videos erstellte Zeichenanimationsfilm zeigt einigermassen drastisch, wie unbekümmert die Social-Media-Generation das Private öffentlich macht. Für jede Lebenslage gibt es ein Selfie, keine Peinlichkeit wird ausgespart, die Grenzen der Intimität werden fotografisch belagert, und auch das letzte Tabu mit einem Selfie geschleift.

Dazu finden sich unter den zahlreichen Bildern des Films einerseits viele klassisch zu nennende Selfie-Gattungen (#footsie, #usie, #suglie, …) und andererseits einige bekannte Selfies, die den Sprung aus den Social Media in die klassischen News-Medien geschafft haben (Hai-Selfie und Oscar-Selfie), dabei sind bisweilen bekannte Persönlichkeiten des Zeitgeschehens erkennbar (z. B. die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Künstler Ai Weiwei und Papst Franziskus).

Schliesslich mischen sich private und globale Bildwelten: Der Selfie-Kuss vom Mittelmeer-Urlaub wird vor dem Schlauchboot von Syrien-Flüchtlingen ausgetauscht. Hinter dem Selfie der Flüchtlingsfamilie in Berlin-Neukölln stehen individuelle Lebensgeschichten und persönliche Fluchterfahrungen.

Der Film eignet sich m. E.  für die Bearbeitung im Unterricht mit Schülerinnen und Schülern ab ca. 13 Jahren. Ich schlage dabei drei Schwerpunkte vor, nämlich

  1. Umgang mit und Gestaltung von Selfies
  2. Verschränkung von Privatem und Politischem (nicht nur) in Selfies sowie
  3. Filmvielfalt zum Thema Selfies.

Zu den ersten beiden Aspekten habe ich bereits einige Impulse für den Unterricht zusammengestellt. Diese Unterrichtsimpulse wurden von éducation21 dreisprachig herausgegeben und sind online zugänglich auf der éducation21-Website zum Film.
Zum dritten Aspekt Filmvielfalt nenne ich hier einige Ideen für die Bearbeitung im Unterricht. Der Fokus richtet sich hier auf die filmischen Gestaltungsmittel dieses Films und anderer Filme zum Thema Selfies.

Zunächst wird der Film visioniert und erste Eindrücke werden in Murmelgruppen ausgetauscht. Die einzelnen Äusserungen müssen nicht zwingend im Plenum landen.

Plot

Da der Film keine eigentliche Handlung hat, ist eine erzählerische Rekonstruktion des Films nicht ganz einfach. Daher werden zunächst ungeordnet die verschiedenen Themen zusammengetragen. Die folgende alphabetische Sammlung ist evtl. hilfreich zur Vorbereitung:

Ai Weiwei, Angela Merkel, App, Arzt, Asylunterkunft, Emmanuel Macron, Exhibitionismus, Fallschirm, Felsen, Ferien, Flucht, Flüchtlingsboot, Fotografie, Freizeit, Geburt, Hai, Handy, Influencer, Instagram, Intimität, Körper, Krankheit, Krieg, Kuss, Meer, Militär, Mobiltelefon, Operation, Oscars, Papst Franziskus, Pissoir, Privatsphäre, Prominente, Rettung, Roof-Top-Jump, Schwangerschaft, Sex, Skydiving, Social Media, Stadt, Sterben, Strand, Tod, Toilette, Trauer, Unfall, Verfolgung, Verletzung, Voyeurismus, …

Sobald eine solche Sammlung vorliegt, kann gemeinsam untersucht werden, wie die einzelnen Bilder und Lebensbereiche miteinander verknüpft sind und wie mit dem Mittel dieser eher assoziativen Montage und auch ohne eigentliche Handlung überraschenderweise dennoch ein Plot zustande kommt: Wie könnte der in Worte gefasst werden?

Wer im Unterricht auch gestalterisch arbeiten möchte, könnte die Schülerinnen und Schüler selbst Experimente mit der assoziativen Montage von Einzelbildern machen lassen: Wie werden drei bis fünf Einzelbilder so in einer Diaserie montiert, dass die Bilderfolge eine Pointe bekommt?

Bildbearbeitung und Animation

Es werden einzelne Filmeinstellungen vom Originalbild bis zur animierten Sequenz untersucht – und damit die Technik des Films. Als Ausgangspunkt eignet sich zunächst das ARTE-Interview, in dem Claudius Gentinetta selbst seine Arbeitstechnik erläutert. Für einen detaillierteren Einblick in diese Technik ist die Making-of-Dokumentation sehr instruktiv, die ich hier – mit dem allerbesten Dank an Claudius! –  zum Download anbieten kann:

Diese Arbeitstechnik kann an weiteren Bildern des Films vertieft werden, beispielsweise mit dem folgenden Auftrag: Greift Euch ein beliebiges Einzelbild aus dem Film heraus und sucht mit Hilfe von geeigneten Stichwörtern (z. B. „selfie shark“) ein möglichst ähnliches Selfie im Internet. Wo liegen die Unterschiede zwischen Original- und Film-Version? Wie hat der Filmemacher seine Vorlage bearbeitet und welche Wirkung hat die Bearbeitung?

Auch der Schritt Bildbearbeitung und Animation kann bei genügend Zeit gestalterisch im Unterricht erprobt werden: Ein (eigenes oder fremdes) Selfie wird digital oder mit Farbe und Pinsel bearbeitet. Anschliessend wird von einem ausgewählten Bildelement eine Sequenz von mindestens drei Bildern erstellt, die in Abfolge eine einfache Animation ergeben.

Vorspann, Bildformate, Einstellungsdauer, Ton, Abspann

Weitere Gestaltungselemente des Films könnten (evtl. Gruppen) mit folgenden Aufträgen in den Blick kommen:

  • Schaut Euch den Vorspann des Films genauer an: Welche Informationen über den Film sind bereits dort zu erfahren? Oder anders: Welche Informationen würden ohne den Vorspann fehlen?
  • Untersucht den Gebrauch verschiedener Bildformate innerhalb des Films. Welche Formate könnt Ihr erkennen und wie sind die Übergänge zwischen den verschiedenen Bildformaten gestaltet? Welche Wirkung hat diese Gestaltung von Formaten und Übergängen?
  • Betrachtet die Dauer der einzelnen Einstellungen bzw. Selfies. Wie lange wird eine Einstellung gezeigt? Schätzt oder zählt die Anzahl der einzelnen Einstellungen in diesem Film. Was fällt Euch auf? Was könnte der Grund für Gestaltung sein und welche Wirkung hat diese Gestaltung des Films auf Euch?
  • Richtet Eure Aufmerksamkeit auf die Tonspur des Films. Woher kommt der Ton, wie lässt sich der Ton beschreiben und was trägt der Ton zu der Wahrnehmung des Films bei? Schaut den Film evtl. probeweise ohne Ton. Hört die Tonspur evtl. probeweise ohne Bild.
  • Betrachtet den Abspann des Films: Welche Informationen erhaltet Ihr dort, welche gestalterischen Elemente fallen auf – und: Warum eigentlich haben die meisten Filme eigentlich einen Abspann?

Gesamtsicht

Nachdem in den vorhergehenden Schritten die wichtigsten Beobachtungen zu den Gestaltungsmitteln des Films zusammengetragen wurden, kann der Film – im Anschluss an die Frage nach seinem Plot – wiederum als Ganzes betrachtet werden. Dazu eignen sich beispielsweise die folgenden Arbeitsaufträge:

  • Notiere drei Fragen oder Thesen, die der Film aus Deiner Sicht aufwirft bzw. aufstellt.
  • Suche einen alternativen Titel für den Film!
  • Schreibe eine Rezension (ca. 3’000 Zeichen und 3 ausgewählte Filmstills) zum Film, in dem Du auch Deine persönliche Meinung über den Film zum Ausdruck bringst.
  • Gestalte ein Filmplakat: Wähle als Sujet eine Einstellung aus, die für Dich am besten den Film als Ganzes charakterisiert. Formuliere markante Textelemente, die den Film treffend charakterisieren. Gestalte das Plakat mit einem Bildbearbeitungsprogramm am Computer oder als Collage mit Schere, Stiften und Papier.
  • Produziere mit einem Videoschnittprogramm einen 20-Sekunden-Trailer zum Film.

Filmvielfalt

Der Film „Selfies“ wird mit einigen anderen Kurzfilmen zum Thema kontrastiert. Die verschiedenen Filme werden auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede untersucht, nach Gattungen, Genres, Techniken und anderen Gestaltungsmerkmalen sowie nach inhaltlichen Kriterien diskutiert, geordnet, klassiert und auch gestalterisch zueinander in Beziehung gesetzt, z. B. in Form einer Rauminstallation der verschiedenen Filme.

Aspirational (Kurzfilm / Real / 3′ / Matthew Frost / USA / 2014 / englisch):

Selfie Stick Aerobics (Kurzfilm / Experimental / 5′ / Maja Malou Lyse / Arvida Byström / Schweden / 2015 / englisch):

Selfie (Kurzfilm / Animation / 1′ / Andy Martin / Grossbritannien / 2014 / ohne Dialog):

#SELFIE (Musikvideo / Real / 4′ / Taylor Stephens / Ike Love Jones / USA / 2014 / englisch):

Selfie (Kurzfilm / Dokumentation / 8′ / Cynthia Wade / Sharon Liese / USA / 2014 / englisch):

Mr. Selfie (Kurzfilm / Animation / 2′ / Weareseventeen / Grossbritannien / 2015 / ohne Dialog):

Weitere Hinweise

Der Anti Selfie Club wurde im Kontext der Ausstellung „Black Sun“ vom 4. Oktober 2015 bis 10. Januar 2016 in der Fondation Beyeler in Riehen gegründet, einer Ausstellung zu Kasimir Malewitsch, die den 100. Geburtstag von Malewitschs ikonischem Schwarzen Quadrat feierte: https://antiselfie.club

Der Blog designyourtrust.com liefert mit seiner Foto-Kollektion von Männern, die typische Frauen-Posen einnehmen, einen Beitrag zur Diskusison über Geschlechtersterotypen auf Instagram: https://designyoutrust.com/2015/09/funny-photos-of-men-mimicking-women-on-instagram/

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt Selfie City analysiert die Gestaltung von Selfies in den fünf Städten Bangkok, Berlin, Moskau, New York und São Paulo: http://selfiecity.net

Das Kosmetik-Produkt Selfie Cosmetic verspricht Schutz vor gefährlichem Handy-Strahlung und damit noch schönere Selfies: https://www.selfie-cosmetic.de


Bibliothekarische Bestellung des Films


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